Was Vorarlberg ausmacht

Was Vorarlberg ausmacht

Die Sicht von Dr. Gerhard Schwarz Direktor der Denkfabrik Avenir Suisse.

Die erste Antwort auf die ziemlich ambitiöse Frage, was Vorarlberg ausmacht, ist eine naheliegende und naturgemäß stark persönlich gefärbte. Vorarlberg ist Grenzland und nicht Kernland – seit eh und je. Und Grenzgebiete zeichnen sich fast überall auf der Welt durch spannende, fruchtbare Mischungen aus.

Das trifft auch auf Vorarlberg zu. Für den in Vorarlberg geborenen und aufgewachsenen, seit Beginn des Studiums (also fast drei Viertel seines bisherigen Lebens) in der Schweiz lebenden und viel in der Welt herumgekommenen österreichisch-schweizerischen Doppelbürger liegt in der Mischung aus österreichischen und schweizerischen Elementen das Besondere, das Attraktive, auch das Anheimelnde dieser Grenzregion.

Wenn man von der Schweiz kommend über den Rhein nach Österreich fährt, empfindet man manches in Vorarlberg etwas offener und lockerer, man gewinnt aber auch den Eindruck, dass man gelegentlich die Dinge dort auch dann nicht so genau nimmt, wenn man es eigentlich sollte, die Bevölkerung scheint insgesamt etwas musischer, der Umgang wirkt weniger effizienzorientiert, die Leute strahlen mehr genuine Freundlichkeit aus, ohne sich anzubiedern, Humor und Selbstironie sind weit verbreitet, Flexibilität und Improvisation gehören fast zur Grundausstattung.

Vom Osten her kommend ist es genau umgekehrt. Vieles wirkt etwas strenger und sturer, aber gleichzeitig geniesst offenbar Handschlagqualität, also Verlässlichkeit in jeder Hinsicht (Termintreue, Pünktlichkeit, das Einhalten von Abmachungen) einen hohen Stellenwert. Die Sensibilität gegenüber Interessenskonflikten und Freunderlwirtschaft scheint ausgeprägter. Und natürlich kommen auch all die anderen, weiter östlich gepflegten Klischees über die Gsiberger nicht ganz von ungefähr: Arbeitsamkeit, Sparsamkeit bis zum Geiz, Unbestechlichkeit, eine gesunde Skepsis gegenüber zu viel Staat, mehr Bescheidenheit im Auftritt, mehr Eigenverantwortung, aber vielleicht auch weniger Lebenslust und insgesamt eine gewisse Nüchternheit.

Die nüchterne Beschränkung auf das Wesentliche, wie sie etwa in der (leider nicht in allen Teilen des Landes gleich ausgeprägt gelebten und gepflegten) modernen Vorarlberger (Holz-)Architektur zum Ausdruck kommt, ist immer wieder besonders wohltuend, wenn man sie vergleicht mit der gar zu barocken bajuwarischen Üppigkeit, aber auch mit der zu oft etwas neureichen Protzigkeit ohne Stilgefühl oder den Zweitwohnungs- Spekulationsobjekten in weiten Landstrichen Helvetiens. Im Unterschied zum Rest von Österreich lebt diese Architekturszene nicht nur, ja nicht einmal in erster Linie, von spektakulären Repräsentationsbauten und Aushängeschildern, sondern hauptsächlich von der Breite.

Was Vorarlberg auch ausmacht und das österreichische Bundesland ebenfalls etwas „schweizerisch“ macht, ist ein ausgeprägterer Sinn für Subsidiarität, für den Staatsaufbau von unten nach oben, für Vielfalt und Wettbewerb auch im Politischen. Selbst innerhalb des Bundeslandes pochen die Menschen ja auf ihre Eigenständigkeit, die Walser, die Montafoner, die Bregenzerwälder, die Oberländer und die Unterländer. Gelegentlich kann dieses Betonen der Eigenständigkeit bis fast zur Widerborstigkeit gehen. Doch letztlich steckt darin jenes Suchen nach Identität und jene Pflege der Wurzeln, die gerade in Zeiten der Globalisierung besonders wichtig sind. Vorarlberg ist (auch darin übrigens der Schweiz ähnlich) entgegen dem Selbstbild und dem Fremdbild ein besonders weltoffenes Land. Der Blick vom Pfänder oder vom Karren über den Bodensee machen dies erlebbar, Statistiken über Exporte, Emigranten, Grenzgänger und ausländische Wohnbevölkerung belegen es. Aber gerade in der globalisierten Welt brauchen die Menschen lokale Anker, emotionale Heimat. Vorarlberg versucht seit je auch diese schwierige und nicht immer gelingende Balance zwischen Offenheit und Identität zu leben – alles in allem doch mit Erfolg.

Dr. Gerhard Schwarz